
Schlammschlacht
Zu früh gefreut oder: man soll den Tag nicht vor dem Abend loben 🙈
Hätte ja echt gut werden können der Tag vorgestern. Sowohl an der serbisch-bulgarischen als auch später an der bulgarisch-türkischen Grenze lief es fast wie am Schnürchen – 1,5 und 1 Stunde sind keine nennenswerte Wartezeit, zu warm war’s auch nicht und am Ende der Tagesstrecke standen nach 2 Grenzen trotzdem 900 Kilometer auf der Uhr und ein Übernachtungs- Plätzchen am See in Aussicht.






Nichts besonderes, nur nicht direkt an der Straße, Zufahrt einfach sagt park4night, wir wollen ja auch nur übernachten und direkt weiterfahren bis ans Marmara-Meer am nächsten Tag.
Zufahrt einfach hätte vermutlich gestimmt- aber es muss kurz vorher arg gewittert bzw. geschüttet haben, die vorher zu durchquerende Straßenbaustelle ist schon eine Matschpartie, aber verdichteter Schotter macht’s trotzdem gut zu fahren, geht aber nahtlos in einen Feldweg über- und der wiederum hat es still, heimlich und leise verdammt in sich.
Zuallerst: nein, nicht klug von uns, im Dunkeln einen unbekannten Stellplatz anzufahren und nein, auch nicht klug, vorher nicht mal auszusteigen und den Weg anzuschauen. Aber: es sah anfänglich einfach nach einem Feldweg aus, auf dem noch nicht mal Pfützen standen.
Zu spät realisieren wir, dass der Feldweg langsam ein Gefälle bekommt und gleichzeitig unfassbar rutschig wird. Das Gewitter muss lehmhaltigen Matsch aus den Äckern gespült haben, der auf dem sandigen Weg eine spiegelglatte Schicht gebildet hat, die trocken aussieht und nicht zu erkennen ist. Ungewollt und ohne eine Möglichkeit zur Umkehr schieben 3,9 Tonnen Emma immer weiter leicht, später steiler und auch noch zwei 90 Grad Kurven bergab und treiben uns in eine hoffnungslose Rutschpartie. Anhalten: nicht möglich, das Gefälle wieder hochfahren: unmöglich, also nur eine Möglichkeit unter Aufbietung aller Fahrkünste von Alex: ad hoc alles Können von früher auspacken und versuchen, Emma einigermaßen (!) auf Spur zu halten, um irgendwann irgendwie irgendwo unten (wo auch immer das ist) einigermaßen heil anzukommen. Und ich: hab’s mit atmen und nicht schreien versucht 😮💨
Wir, nein Alex schafft es tatsächlich, nach einem letzten stärkerem Gefälle auch noch die 90 Grad Kurve zu meistern, ohne dass uns das Heck überholt oder sich Emma quer in den Weg stellt und driftet (mit Emma!) sauber durch die Kurve- ein halber Meter mehr und wir wären vermutlich unspektakulär auf einigermaßen festem Weg zum Stehen gekommen. Das hat’s nicht mehr gereicht und in der Sekunde des zum Stehen kommens wissen wir beide: scheiße, das war’s- Emma steckt fest. Und freuen uns gleichzeitig, dass wir und Emma überhaupt heil unten angekommen sind.



Im Dunkeln sehen wir vage, dass die linke Seite, also beide Reifen, einen regelrechten Wall aufgeschoben haben und komplett im Matsch versackt sind (was auch bei Tag gar nicht so spektakulär aussieht, würde der Lehm-Matsch nicht auch noch Beton ähneln…). Beim Aussteigen wird auch klar, dass der Feldweg die Konsistenz einer Eisbahn hat- und zurück allerhöchstens eine Option ist, wenn bei 40 Grad 3 Tage die Sonne ballert und alles steinhart trocknet…
Wir könne mitten am Abend im Dunkeln nichts Sinnvolles mehr ausrichten. Wir können nur auf pralle, heiße Sonne am nächsten Tag für den Rest des Wegs hoffen- und dass wir vlt Glück haben und ein hilfsbereiter Bauer oder Angler vorbeikommt. Internet ist natürlich auch Mangelware und nur sporadisch und spärlich vorhanden…
Schnaps hilft gegen den Schreck und beim Einschlafen, die Sonne hilft uns am nächsten Tag- nur leider kommt nicht mal ein herrenloser Hund vorbei, geschweige denn ein Bauer, Angler oder überhaupt ein Mensch. Das hatten wir so auch echt selten- aber klar, wo auch sonst wenn nicht hier und jetzt 🙄
Dann halt Schaufeln raus und Startschuss für die Schlammschlacht. Zwei Stunden schaufeln, Räder freigelegt, Sandbleche positioniert (nach langem für und wieder unter welchen Reifen am wirkungsvollsten), Versuch 1: Emma schafft es immerhin einen Meter nach vorne, dann ist erneut Schluss.

Zumindest nicht ganz erfolglos- fast schon euphorisiert schaufeln wir weiter, unterlegen mit Weizen vom Feld, bauen die Sandbleche an den angetriebenen Vorderreifen neu ein- um in Stunde 2 und 3 mit den Versuchen 2, 3 und 4 erfolglos zu bleiben. Beide Reifen vorne sind frei, bekommen aber nicht genug Grip, um den hinteren linken Reifen und natürlich Emma im gesamten aus dem Schlamm zu ziehen. Durch die Versuche 2, 3 und 4 ist Emma mittlerweile hinten links so tief, dass der Rahmen droht aufzusitzen.


Einer hat die Idee, Emma mit dem Wagenheber anzuheben, um den Reifen besser unterlegen zu können und schaufelt dafür ein letztes Loch, platziert den Wagenheber und entscheidet in Stunde 6 dann: wir versuchen den Start direkt vom Wagenheber. Im besten Fall kippt dieser zur Seite und wir haben beim Anfahren den geringsten Widerstand am hinteren Reifen. Und ja, es hat geklappt! Das Gefühl dabei: unbeschreiblich!


Bisher verschwiegen: um aus dem Feldweg-Tal zwischen Sonnenblumen am durchaus idyllischen See herauszukommen gibt es zwar laut Garmin und google noch eine andere Option, aber auch für diese müssen wir wieder um die Kurve eine leichte Anhöhe hinauf. Und ganz überraschend: auch an dieser hat sich am Fuß der Lehm- Schlamm gesammelt.

Wir beschließen, die Sonne noch etwas für uns arbeiten zu lassen und wagen am späten Nachmittag den Versuch: mit viel Schwung driftet Alex ums Eck und treibt Emma im zweiten Gang unbeirrt und zügig die Anhöhe hinauf und: es klappt 🤩 Das letzte Schlammloch im Schwung durchquert erreichen wir geschotterte Piste und damit den Anfang der Zivilisation. Auf direktem Weg ab ans Marmara-Meer auf den Campingplatz, nach diesem (Abenteuer-) Reisen brauchen wir heute etwas Urlaubsgefühl und: Erholung von gestern! Auch Emma 🤪


Und was lernen wir daraus? Es soll uns eine Lehre sein für das Land, das wir eigentlich anstreben: nicht übermütig zu werden, nicht im Dunkeln ins Gelände zu fahren, Wetter- und Straßenverhältnisse nicht zu unterschätzen und Hirn einschalten!
Das war zwar nicht einfach auszuhalten und im Zweifel für Emma gefährlicher als für uns, wir waren am Ende des Tages aber 3 Kilometer von der nächsten Zivilisation und dem nächsten Bauern entfernt und hätten sicher Hilfe organisieren können. So wird es eine hilfreiche Erfahrung mehr, ein bißchen Stolz aufs Schaffen und Demut vor auch völlig unspektakulärem Gelände.
Wir grüßen nach einem ruhigen und entspannten Tag am Meer- morgen geht’s weiter 🚐